
Wünsche, Ziele und Bedürfnisse
Wünsche, Ziele und Bedürfnisse

In meiner Arbeit als Coach und besonders mit der Spezialisierung auf Achtsamkeit fällt mir immer wieder auf, dass viele meiner Mitmenschen Wünsche haben und diese auch als Ziele formulieren können.Doch leider nicht effektiv dranbleiben können, da ihre Wünsche und Ziele teilweise oder gar nicht mit ihrem Inneren übereinstimmen.
Sie haben irgendwann diese Ziele von Dritten übernommen und sie in sich als ihre eigenen verankert, da sich diese irgendwie gut angefühlt haben oder die Vorstellung davon, dieses Ziel zu erreichen, ihnen Erfolg und damit verbundenes Glück versprochen hat. Sie jagen damit Vorstellungen von gesellschaftlicher Anerkennung nach oder wollen die Angst vor dem Ausschluss aus bestimmten Gruppen verhindern. Doch sind diese Ziele wirklich Ziele oder nur wieder ein Trugschluss?
In meiner Arbeit mit Mitmenschen frage ich sie immer wieder:
Was genau willst Du?
Was ist dein Ziel?
Was willst Du erreichen?
Meistens bekomme ich als Antwort:
„Das weiß ich gar nicht.“
Oder so etwas wie:
„Ich will endlich Ruhe haben.“
Oder:
„Ich möchte mehr Geld verdienen.“
Die zweite und dritte Antwort sind meist versteckte Nachrichten, die viel mehr enthalten. Dazu komme ich später. Die erste Antwort finde ich immer wieder interessant. Denn in dieser Antwort steckt so viel Raum. Und doch auch so viel, das einen Menschen begrenzen kann. In diesem Fall höre ich erst einmal zu, ohne zu urteilen.
Jeder Mensch hat seine Geschichte. Jeder Mensch möchte gehört und, noch wichtiger, gesehen werden.
Ich glaube, dass viele Menschen sehr wohl wissen, was sie wollen. Sie wissen nur nicht, wie sie es ausdrücken können. Oder sie haben Scham- und Angstgefühle. Sie haben Angst, ausgeschlossen oder für verrückt erklärt zu werden. Und deshalb gestehen sie sich ihre Ziele und Wünsche vielleicht selbst nicht ein.
Das kann sich auf ganz unterschiedliche Weise zeigen. Manche Menschen ziehen sich zurück, fühlen sich verzweifelt oder einsam. Andere erleben Ängste, anhaltende Niedergeschlagenheit oder körperliche Beschwerden wie Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Verspannungen oder andere Schmerzen.
Natürlich hat nicht jede dieser Beschwerden etwas mit unerfüllten Wünschen oder inneren Konflikten zu tun. Aber manchmal kann das, was wir über längere Zeit in uns tragen, auch auf andere Bereiche unseres Lebens wirken.
Ich würde gerne sagen:
„Finde dein Ziel und verfolge es.“
Doch so einfach ist es nicht.
Einen Zettel zu schreiben und ihn an den Badezimmer- oder Ankleidespiegel zu kleben, kann helfen, dich daran zu erinnern. Aber nicht dabei, dein Ziel automatisch zu erfüllen. Damit es funktioniert, solltest du dich bewusst dafür entscheiden.
Hier kommt das Thema Achtsamkeit sehr gut zum Tragen.
„Ich weiß nicht, was ich will.“
Nehmen wir einmal diesen Satz. Meine Beobachtung des Mitmenschen könnte sein:
Es ist eine sehr geordnete und akkurat gekleidete Person. Sie legt Wert auf ihr Aussehen und ihre Ausdrucksweise. Ihr Auftreten wirkt souverän und strahlt Stärke aus. Doch in einigen wenigen Situationen wirkt sie unsicher. Besonders wenn sie aus gewohnten Situationen herausgeholt wird und zum Beispiel über Gefühle, Empfindungen und Gedanken im Moment sprechen soll.
Sie ist nicht sehr gläubig, befasst sich aber viel mit Spiritualität. Ich beobachte diese Dinge. Vielleicht entsteht dabei auch eine Vermutung in mir. Doch genau hier muss ich vorsichtig sein. Denn ich kann beobachten und wahrnehmen. Ich kann Vermutungen anstellen. Aber ich kann nicht wissen, was in einem anderen Menschen wirklich vorgeht. Ich kann nicht der Experte für einen anderen Menschen sein.
Das kann nur derjenige selbst.
Meine Beobachtung ist deshalb keine Wahrheit. Sie ist lediglich eine Möglichkeit. Ich biete diesem Mitmenschen nach einiger Zeit eine Trance an. Sie reagiert zunächst abweisend, aber neugierig. Ihre Nachfrage nach der Methode gibt mir die Möglichkeit, ihr diese Methode näherzubringen. Nach der Aufklärung willigt sie ein.
Während der Trance sieht sie weite Wälder. Die Bäume sind nicht aufgeforstet. Totholz und Unterholz liegen herum. Tiere laufen umher. Und eine Person steht in diesem Wald. Nicht sie selbst. Würde diese Person sich nicht bewegen, würde sie vielleicht gar nicht auffallen. Nach der Trance wird mir dieses Bild lebendig ausgemalt.
Ich habe schon einen kleinen Verdacht, was das bedeuten könnte. Doch halte ich mich aus Respekt und Empathie zurück. Denn wenn ich jetzt sage:
„Ich weiß, was das bedeutet“, nehme ich diesem Menschen vielleicht genau das, was er gerade selbst herausfinden soll.
Ich möchte nicht die Antwort liefern. Ich möchte Raum dafür schaffen, dass die Person ihre eigene Antwort findet.
Nach der Erzählung wird mein Gegenüber ruhig. Etwas geschieht gerade in dieser Person.
Ich schweige. Ich lasse Raum entstehen. Dieser Raum ist erfüllt von einer drückenden Stille.
Ein Seufzen. Eine Träne.

Ich beobachte und bleibe präsent. Ich reiche nur ein Taschentuch. Die Person weint. Ich lasse sie. Denn auch das gehört für mich zu Präsenz. Nicht jede Emotion muss sofort erklärt, beruhigt oder aufgelöst werden.
Oftmals braucht ein Mensch keinen Rat. Manchmal braucht er nur für einen Moment die Erfahrung, dass da jemand ist, der bleibt, ohne etwas von ihm zu verlangen.
Irgendwann fängt sie an, schluchzend zu lachen, und spricht: „Es ist doch so einfach.“ Ihre Erkenntnis ist: Sie möchte Ruhe. Einfach nur Ruhe.
Nicht immer diese gut gekleidete, angepasste und höfliche Person sein. Sie möchte nicht nur auffallen, wenn sie sich bewegt.
Meine Frage: „Ist es wirklich das, was Sie wollen? Ruhe?“
Ihr Blick erstarrt etwas. Zorn ist zu sehen. „Das habe ich doch eben herausgefunden.“
Durch meine Beobachtung stimme ich dem zu. Doch da ist vielleicht noch mehr.
Denn „Ruhe“ ist zunächst einmal der ausgesprochene Wunsch. Mich interessiert jetzt, was diese Ruhe für diesen Menschen eigentlich bedeuten würde.
Was würde sich verändern, wenn sie diese Ruhe hätte?
Was müsste nicht mehr sein?
Und was dürfte stattdessen sein?
Ich frage noch einmal:
„Was ist das tiefere Bedürfnis hinter diesem Wunsch?“
Wieder: „Ruhe.“
Nach einiger Zeit: „Ich möchte doch nur ich sein dürfen. Auch mal etwas Verrücktes tun dürfen und so akzeptiert werden, wie ich bin.“ Meine Beobachtung hat gestimmt. Aber wichtiger ist: Die Erkenntnis kommt von ihr selbst. Ich frage: „Sie wollen einfach nur selbst sein dürfen, ohne Angst davor zu haben, verurteilt zu werden, und dadurch zur Ruhe kommen?“
Emotional bekomme ich nur ein: „Ja.“
Hier steige ich jetzt mal aus. Alles andere würde den Rahmen sprengen.
Was habe ich gemacht?
Was habe ich eigentlich gemacht? Ich habe versucht, nicht nur zu hören, was gesagt wird. Ich habe versucht, die mögliche Botschaft hinter dem Gesagten wahrzunehmen. Den Wunsch an die Außenwelt wahrzunehmen, meine eigene Beziehung zu dem Gesagten nicht zu wichtig zu nehmen, es aber trotzdem zu berücksichtigen.
Ich habe beobachtet. Ich habe vermutet. Aber ich habe meine Vermutung nicht zur Wahrheit gemacht. Ich habe meinem Mitmenschen im Moment wahrgenommen und ihm den Platz gegeben, so zu sein, wie er ist. Und vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Teil von Achtsamkeit in der Begegnung mit anderen Menschen:
Nicht sofort eingreifen.
Nicht sofort erklären.
Nicht sofort lösen.
Und schon garnicht Urteilen.

Sondern wahrnehmen, was gerade da ist – und dem anderen zutrauen, selbst etwas darin zu erkennen. Durch Präsenz im Moment gibst du manchmal mehr, als du durch viele Worte geben könntest. Die anderen in deiner Umgebung können diese Präsenz wahrnehmen und es dir vielleicht gleich tun. Auch wenn es nur ein winziger Augenblick ist, reicht dieser manchmal schon aus, um etwas auszulösen. Etwas, das zu einem Schatz führt, der sonst vielleicht noch lange begraben geblieben wäre.
Vielleicht ist es kein fertiger Plan.Vielleicht noch nicht einmal ein konkretes Ziel.Aber vielleicht ist es ein erster Schritt zu einer eigenen Erkenntnis.
In diesem Sinne:
Schenke anderen nicht nur deine Zeit, sondern deine ungeteilte Aufmerksamkeit.
