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Worte, die entstehen, wenn Stille sich bewegt. 

Gedanken vom Weg — 

für Menschen, die ankommen, wenn sie gehen.


 

Mut und Vorbild - Wirklich ich?

Mir wurde heute wieder einmal gesagt, dass ich ein Vorbild bin.

Jaaaa, okay, dankeeee.

Ich bin natürlich sehr gerührt und freue mich über jedes Kompliment. Doch ein Vorbild? Ich?

Mir wurde in letzter Zeit so oft gesagt, ich wäre mutig. Es sei toll, was ich mache: meine Solotouren in die Berge, wochenlang aus dem Rucksack zu leben und – ach ja – in ein Nachbarland auszuwandern, um meinen Traum vom eigenen Business zu verwirklichen.

Mutig? Ein Vorbild?

Ja.

Ich fühle mich dabei immer sehr hin- und hergerissen. Mein Ego feiert diese Streicheleinheiten – sie sind wie Balsam. Doch tief in meinem Inneren regt sich ein Teil, der fragt:

Darfst du als Vorbild Angst haben? Darfst du als Vorbild zweifeln? Darfst du als Vorbild weinen?

Was darf ein Vorbild eigentlich – und was nicht?

Ich weiß es nicht. Denn ich stelle mir ein Vorbild nicht so vor wie mich. In meiner Vorstellung ist es ein Mensch, der jeden Tag versucht, etwas für die Welt zu tun. Nicht nur für sich selbst, sondern für alle. Nicht nur für die Menschen, sondern auch für Tiere, Pflanzen und den Rest unserer Umwelt.

Bin ich das?

Mache ich das?

Das kann ich weder mit Ja noch mit Nein beantworten.

Denn nicht ich sollte ein Vorbild sein, sondern die Art und Weise, wie ich handle, wie ich denke und wie ich versuche, anderen Menschen zu begegnen. Das sollte Vorbild sein. Doch leider braucht es in jeder Geschichte jemanden, der diese Werte verkörpert.

Und dennoch fühle ich mich nicht so.

Wenn mir jemand sagt: „Du bist mutig“, dann bedanke ich mich meistens und antworte:

„Weißt du eigentlich, wie viel Angst ich habe?“

Durch meine Achtsamkeitspraxis habe ich gelernt, mit überwältigenden Gefühlen umzugehen. Sie wahrzunehmen, ihnen den Raum zu geben, den sie verdienen, und sie anschließend wieder ziehen zu lassen.

Doch diese Ängste sind existenzieller Natur.

Nicht die Angst vor dem Tod. Mit ihr habe ich mich schon abgefunden, lange bevor ich Bergsteiger und Achtsamkeitscoach wurde.

Nein. Es ist die Angst, etwas in Bewegung zu setzen, das ich irgendwann nicht mehr aufhalten kann. Die Angst, voranzugehen, einen Weg zu bahnen, dem Menschen folgen – und dieser nicht nur mich, sondern auch sie in den Abgrund führt.

Es ist ein tief sitzendes Leiden. Ein Leiden, das schwer wiegt und sich nicht einfach beseitigen lässt.

Es kann betrachtet werden. Es kann angenommen werden. Es verändert seine Gestalt, doch sein Gewicht verschwindet nicht einfach. Mit der Zeit lernt man, es zu tragen – aber leicht wird es deshalb nicht.

Mutig bin ich vielleicht deshalb, weil ich mir dieses Leidens bewusst bin. Weil ich ihm immer wieder begegne, wenn ich es wahrnehme.

Die Tränen, die ich dann vergieße, gelten nicht nur mir. Sie gelten all jenen, die sich nicht trauen zu weinen. Denen, die ebenfalls mit diesem Leiden verbunden sind, es aber nicht verstehen, es unterdrücken oder als etwas abtun, das es gar nicht gibt. Oder gar geben darf.

Darf ein Mensch, der als Vorbild gesehen wird, so fühlen?

Ja.

Aus einem einfachen Grund:

Mut entsteht nicht dadurch, dass man keine Angst hat oder nicht leidet. Mut zeigt sich dort, wo wir trotz unserer Angst und trotz unseres Schmerzes weitergehen. Mut beginnt dort, wo einzelne Menschen Grenzen verschieben, die für viele als unüberwindbar gelten, und dadurch den Raum für andere ein Stück größer machen.

Deshalb werden diese Menschen oft als Vorbilder gesehen. Nicht, weil sie keine Zweifel kennen, sondern weil sie etwas wagen, das andere für unmöglich oder unerreichbar halten.

Mutig ist es nicht nur, die ganze Welt zu verändern. Mutig ist es, einem einzigen Menschen zu zeigen, wie Mut aussieht – und dadurch seine Welt zu verändern. Wenn dieser Mensch wiederum einem anderen Mut macht, entsteht irgendwann vielleicht eine Welt voller Vorbilder. Eine Welt voller Menschen, die sich trauen, das Leben zu führen, das sie wirklich leben möchten.

Solange es noch nicht so weit ist, werde ich einfach weitermachen wie bisher: still in mich hinein lächeln, Ruhe und Gleichmut bewahren und einen Schritt nach dem anderen gehen.

Vielleicht bin ich heute noch kein Vorbild. Vielleicht bin ich einfach nur ein Mensch, der versucht, trotz seiner Angst weiterzugehen.

Wenn das anderen Mut macht, dann genügt mir das.

Denn genau das ist das Vorbild, das ich sein möchte.

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