Wer bin Ich?
„Ich kenne dich besser, als du dich selbst kennst.“
Ein Satz, den wahrscheinlich jeder von uns schon einmal gehört hat. Vielleicht hast du ihn sogar selbst ausgesprochen.

Doch was steckt eigentlich dahinter?
Was wollte der Mensch damit erreichen?
Vielleicht wollte er nur deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Vielleicht wollte er dir zeigen, dass du ihm wichtig bist. Vielleicht wollte er dich beschützen. Vielleicht wollte er dich beeinflussen.
Kann jemand einen anderen Menschen wirklich besser kennen als dieser sich selbst?
Oder ist dieser Satz vielmehr ein Spiegel unserer Sehnsucht, verstanden zu werden?
Mich beschäftigt diese Frage immer wieder.
Woher will jemand wissen, was ich gerade denke? Was ich fühle? Wonach ich mich sehne?
Viele Menschen empfinden diesen Satz als etwas Schönes. Schließlich bedeutet er scheinbar:
Du bist mir wichtig. Ich sehe dich.
Und genau das wünschen wir uns doch alle.
Oder?
Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr löst dieser Satz etwas anderes in mir aus.
Lies ihn noch einmal.
„Ich kenne dich besser, als du dich selbst kennst.“
Spür einmal nach.
Was macht dieser Satz mit dir?
Mir läuft dabei manchmal ein kalter Schauer über den Rücken.
Nicht, weil er böse sein muss.
Sondern weil er Macht besitzt.
Wenn ich glaube, dass ein anderer besser weiß, wer ich bin als ich selbst, beginne ich irgendwann, mich durch seine Augen zu sehen.
Und genau dort beginnt die Gefahr.
Nicht unbedingt Manipulation.
Aber die Möglichkeit dazu.
Vielleicht glauben Menschen, die diesen Satz sagen, sogar selbst daran. Vielleicht meinen sie es ehrlich. Vielleicht haben sie Seiten an mir erkannt, die ich selbst noch nicht sehen kann.
Doch am Ende bleibt eine einzige Frage.
Wer kann beantworten, wer ich wirklich bin?
Fangen wir ganz von vorne an.
Hallo.
Wer bist du?
Nimm dir einen Moment Zeit.
Nicht zum Antworten.
Zum Nachfühlen.
Wer bist du?
Vielleicht antwortest du jetzt:
Ich bin ….. Jahre alt.
Ich bin Mann oder Frau.
Ich bin Vater.
Ich bin Mutter.
Ich bin Arzt.
Ich bin Handwerker.
Ich bin Verkäufer.
Ich bin Bergführer.
Alles richtige Antworten.
Doch sie beschreiben nur Rollen.
Lass sie für einen Moment los.
Wer bist du jetzt?
Vielleicht sagst du:
Ich bin ein Mensch.
Oder:
Ich bin ein Säugetier.
Ein Lebewesen auf diesem Planeten.
Auch das stimmt.
Doch bist du wirklich nur dein Körper?
Schließe für einen Moment deine Augen.
Atme.
Noch einmal.
WER BIST DU?
Jetzt kennen viele die Antwort.
Ich bin meine Gedanken.
Ich bin meine Seele.
Ich bin das, was ich denke.
Wirklich?
Sind deine Gedanken deine Seele?
Ist deine Seele etwas, das du wahrnehmen kannst?
Dann geh tiefer.
Schau hinter deine Gedanken.
Hinter deine Rollen.
Hinter deine Titel.
Hinter alles, was du glaubst zu sein.
Fühle in die Tiefe von dem, was dort ist.
Bist du angekommen?
Ja… aber was soll da sein?
Sag du es mir.
Da ist nichts.
Wirklich nichts?
Nein… warte…
Da ist doch etwas.
Was ist dort?
Alles und nichts zugleich.
Es schwingt.
Es vibriert.
Es sirrt.
Es zuckt.
Alles scheint gleichzeitig in Bewegung zu sein und doch vollkommen still.
Es ist wunderschön.
Und es macht Angst.
Bin ich das wirklich?
Das weiß nur einer.
Du.
Ich kann es dir nicht beantworten.

Aber wie kann das sein?
Vielleicht kann es gar nicht sein.
Vielleicht ist es einfach.
Vielleicht braucht nicht alles eine Erklärung.
Komm nun langsam zurück.
Zurück zu deinen Rollen.
Zu deinen Gedanken.
Zu deinem Namen.
Zu dem Menschen, für den dich die Welt hält.
Aber vergiss niemals, dass all das nur ein Teil von dir ist.
Vielleicht bist du weit mehr als jede Rolle, jeder Gedanke und jeder Titel.
Vielleicht bist du mit allem verbunden.
Sehr wahrscheinlich bist du sogar ein Teil von allem.
Wenn das so ist, dann denke daran, wenn du einem anderen Menschen begegnest.
Alles, was du gibst, gibst du auch dir.
Jede Freundlichkeit.
Jede Verletzung.
Jede helfende Hand.
Jede Gleichgültigkeit.
Auch wenn du achtlos mit der Natur umgehst, schadest du vielleicht nicht einer fremden Welt, sondern deiner eigenen.
Vielleicht gibt es am Ende gar kein Ich und Du.
Vielleicht nur verschiedene Blickwinkel desselben Lebens.
Und wenn dir eines Tages wieder jemand sagt:
„Ich kenne dich besser, als du dich selbst kennst.“
Dann schau ihn einen Moment lang an.
Lächle.
Nicht, weil er recht hat.
Nicht, weil du ihm widersprechen möchtest.
Sondern weil ihr beide noch auf derselben Reise seid.
Er sucht nach dir.
Du suchst nach dir.
Und vielleicht werdet ihr eines Tages beide erkennen, dass ihr nie wirklich getrennt wart.

